Finanzielle Bedeutung der Privatversicherten für das Gesundheitssystem

Zuletzt aktualisiert: 4. Mai 2021│   Geschätzte Lesezeit: 4,4 Minuten

Die Privatversicherten gewährleisten durch den Mehrumsatz einen erheblichen finanziellen Anteil zur Funktionalität des deutschen Gesundheitssystems und damit zum Wohle der Gesamtbevölkerung. Die Auswirkungen dieses Finanzierungsbeitrages werden nach Erörterungen des PKV-Verbandes besonders in ländlichen Regionen offensichtlich, für die der Verband so bezeichnete „Regionalatlanten“ erstellt hat.

Berechnungen des Wissenschaftlichen Institutes der PKV

Die enorme Bedeutung der Privatversicherten für das deutsche Gesundheitssystem wurde durch die Berechnung des Mehrumsatzes durch das Wissenschaftliche Institut der Privaten Krankenversicherung (WPI) hervorgehoben. Als Schnittstelle zwischen qualitativer, fundierter wissenschaftlicher Arbeit, den gesundheitspolitischen Herausforderungen und der Versicherungswirtschaft liefert das Institut um ihren Leiter Dr. Frank Wild zahlreiche kompetente Expertisen sowie Studien. Die neue Analyse zu den Leistungsausgaben und dem Mehrumsatz der PKV-Versicherten bildet eine interessante Weiterführung von den bereits in früheren Jahren zusammengetragenen Basisdaten. Demnach konnte im Jahr 2019 von den Privatversicherten ein Mehrumsatz von 12,729 Milliarden Euro in das deutsche Gesundheitssystem einfließen. Gegenüber dem Vorjahr stieg diese Summe um 5,5 Prozent, also 663 Millionen Euro an. Gewaltige finanzielle Mittel, die verloren gegangen wären, wenn die Versicherungsnehmer/- innen eine Absicherung in der Gesetzlichen Krankenkasse gehabt hätten.

Privatversicherte stärken niedergelassene Arztpraxen

Nach Angaben des WPI fiel der größte Anteil des Mehrumsatzes dabei wie in den vorangegangenen Jahren auf den ambulant-ärztlichen Sektor. 6,43 Milliarden Euro kamen hier zum Tragen. Fielen derartige Leistungen weg, müsste ein niedergelassener Arzt auf durchschnittliche Jahreseinnahmen von etwa 55.000 Euro verzichten, welche beispielsweise bereits dem jährlichen Einkommen von 1,75 Sprechstundenhilfen entsprechen würden. Selbstverständlich stehen in der Bundesrepublik allen Patienten/- innen ein umfangreiches gesundheitliches Versorgungssystem zur Verfügung, doch Privatversicherte unterliegen einer Behandlungskostenabrechnung ohne Budgetgrenze und so werden für viele Leistungen deutliche höhere Honorare fällig. Durch diese Mehrzahlungen entsteht die Möglichkeit zusätzlicher Investitionen, zum Beispiel die Anschaffung moderner medizinischer Gerätschaften oder die Aufstockung von medizinischem Personal, welches dann allen Versicherten zugutekommt.

Regionalatlas der PKV

Innerhalb der gesundheitspolitischen Diskussion haben sich in der jüngeren Vergangenheit etliche Thesen ergeben, die für entstandene medizinische Versorgungsengpässe in den ländlichen Regionen vor allem das duale Gesundheitssystem aus Privater und Gesetzlicher Krankenversicherung verantwortlich machen. So entstanden unter anderem Auffassungen, dass die Gebührenverordnung für Ärzte (GOÄ) mit ihrer Gültigkeit für die Privatversicherten verhindern würde, dass sich eine ausreichende Anzahl von Ärzten/- innen auf dem Land niederlässt, weil es dort augenscheinlich nicht genügend Klientel von Privatpatienten/- innen gäbe. Ein Grund, weshalb der PKV-Verband eine detaillierte Analyse zu dieser Thematik durchführte und Regionalatlanten für die einzelnen Bundesländer ausarbeiten ließ. Auch wenn noch nicht für alle Länder entsprechende Erhebungen vorliegen, zeigen die bisherigen Auswertungen, dass die kritischen Ausführungen gegenüber dem dualen Versicherungssystem keine reale Substanz aufweisen. Gerade die gesonderte Berücksichtigung der ländlichen Regionen belegt die bedeutende Rolle der Privatversicherten für die funktionelle Gesamtheit der medizinischen Versorgung.

Am Beispiel des Bundeslandes Bayern lässt sich nachvollziehen, dass die Privatversicherten keine Verantwortung am Versorgungs- und Ärztemangel in den ländlichen Regionen zu tragen haben. Das Land verfügt innerhalb seiner gesamten Infrastruktur über eine relevante Quote von Privatpatienten/- innen. Die niedrigste PKV-Rate ergibt sich mit 7,9 Prozent in Schweinfurt. Der Nutzen durch die Mehrumsätze der Privatversicherten in Bayern beträgt jährlich etwa 2,2 Milliarden Euro, was 170 Euro pro Einwohner des Bundeslandes ausmacht. Da die Altersstruktur auf dem Land höher als im allgemeinen Durchschnitt ausfällt, profitieren explizit Ärzte und Ärztinnen in den ländlichen Regionen von diesen finanziellen Überschüssen, da ältere Menschen generell auch häufiger einen Arzt oder eine Ärztin konsultieren. Zusätzlich weisen die Mehrumsätze der Privatversicherten auf dem Land einen größeren Stellenwert als in den Ballungszentren auf, wo die grundlegenden finanziellen Aufwendungen für Mieten oder auch Gehälter wesentlich kostenintensiver einzuordnen sind. Am realen Fallbeispiel einer landärztlichen Praxis im Landkreis Wunsiedel wird dieser Umstand deutlich, da hier ein jährlicher Mehrumsatzwert von 67.656 Euro aufkam, während die durchschnittlichen Werte der Praxen in München lediglich mit 38.000 Euro im Jahr anzusiedeln sind.

Novellierung der Gebührenverordnung statt Vereinheitlichung

Die Situation, welche aus den PKV-Regionalatlanten hervorgeht, ist in vielen Ländern vergleichbar. Die Privatversicherten sind nicht ursächlich für den Ärzte- und Ärztinnenmangel auf dem Land, sondern ist von anderen Kriterien, die besonders im Umfeld der Ärzteschaft zu suchen sind, abhängig. Dennoch streben viele politische Verantwortungsträger/- innen die Vereinheitlichung der Gebührensysteme an. Hierzu erwartet der PKV-Verband eine gesonderte Stellungnahme der Wissenschaftlichen Kommission für ein modernes Vergütungswesen und regt in eigener Expertise an, die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) zu novellieren. Für dieses Vorhaben hat der PKV-Verband in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer bereits umfangreiche Vorschläge fixiert. Die Leistungsausgaben der Privaten und auch Gesetzlichen Krankenversicherung haben aufgezeigt, dass beide Kostenträger von den herausfordernd steigenden Gesundheitsausgaben im gleichen Maße betroffen sind. Im 10-Jahresvergleich der Jahre 2009 bis 2019 stiegen diese bei beiden Trägern je Versicherten um etwas über 40 Prozentpunkte. Festzuhalten bleibt allerdings, dass die Bundesrepublik nicht zuletzt aufgrund des Mehrumsatzes der Privatversicherten im internationalen Vergleich über ein sehr gut ausgestattetes Gesundheitswesen verfügen kann, welches in der augenblicklichen Situation bei der Bewältigung der Coronapandemie eine wichtige Grundlage bietet.

Quellen: WIP-Analyse (Wild/Hagemeister) Leistungsausgaben PKV-Versicherte, PKV-Verband, Regionalatlas PKV-Verband, Versicherungsmagazin, zm-online (Deutscher Ärzteverlag)

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